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Nach der Finanzkrise: Triumph des deutschen Ordnungsmodells?

Der in der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise hierzulande zu beobachtende Konsens über zentrale Merkmale eines europäischen oder präziser deutschen Wertesystems – soziale Marktwirtschaft statt ungezügelter Kapitalismus, maßgeschneiderte Qualitätsproduktion statt standardisierte Massenfertigung, ein großes Netz kleiner und mittelgroßer Familienunternehmen, ein Bewusstsein ökologischer Verantwortung und Misstrauen gegenüber der finanzgesteuerten Globalisierung - lässt die Frage aufkommen, ob das deutsche Modell das ist, was die Welt nach der Finanzkrise braucht. Zum Auftakt der Konferenzreihe „Wettbewerb oder Kooperation" – eine Auftragsarbeit von I.P.I für die AutoUni Volkswagen AG – wurde diese Frage aus politischer, ökonomischer, juristischer und wirtschaftshistorischer Perspektive beleuchtet.

Prof. Dr. Rolf Eggert, ehemals Justiz- und dann Wirtschaftsminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern und bis vor kurzem Präsident der Hauptverwaltung Hamburg der Deutschen Bundesbank, somit bestens mit den politischen Implikationen der gegenwärtiges Finanz- und Wirtschaftskrise vertraut, setzte den Schwerpunk seiner Ausführungen auf die Abhängigkeiten und Wirkungsketten zwischen Finanz- und Realwirtschaft, um mögliche Lösungswege aus der Krise aufzuzeigen. Anhand zahlreicher Tabellen und Graphiken verdeutlichte er das Ausmaß der entstandenen Ungleichgewichte auf den Geld- und Kreditmärkten und zog daraus den Schluss: "Die traditionellen Wirkungsmechanismen der Geldpolitik funktionieren unter diesen Bedingungen nicht mehr." Die Eigenkapitalbasis und Kreditvergabemöglichkeiten der Banken können zwar durch staatliche Finanzspritzen und Bürgschaften erhöht werden, trotzdem würden die Banken - nicht zuletzt aufgrund des entstandenen Vertrauensverlustes - ihre Kreditrichtlinien verschärfen und damit der Realwirtschaft die notwendige Finanzierungsmasse entziehen. Von dieser weltweiten Kreditklemme und dem damit verbundenen Konjunktureinbruch - überraschenderweise auch in Wachstumsregionen wie China und Indien - sei der Exportweltmeister Deutschland in besonderem Maße betroffen: "Der Export wird zum Bremsklotz der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland."
Eine Deflationsgefahr sah der Referent jedoch nicht, schon eher die Möglichkeit inflationärer Tendenzen, wenn die aufgrund der Krise zusätzlich in das System gepumpte Liquidität nicht durch ein entsprechendes Wirtschaftswachstum aufgefangen wird. Bislang habe die dynamische Entwicklung in manchen Schwellenländern - insbesondere in China - die Defizite der USA finanziert, da ihre Leistungsbilanzüberschüsse vorwiegend in US-Staatsanleihen angelegt wurden. "Doch wie lange bleibt noch dieses Vertrauen in den Dollar?", fragte sich Rolf Eggert und: "Was passiert, wenn weitere systemrelevante Banken ausfallen?" Der einem schnellen Strukturwandel unterliegende internationale Finanzmarkt bedürfe dringend einer stärkeren, international abgestimmten Regulierung, zumal die operativen Risiken steigen, die expansive Geldpolitik die Risikobereitschaft der Anleger erneut anheize. Doch der Referent zeigte sich optimistisch: "Die Bedeutung von Transparenz und Verantwortung sind erkannt. Eine solide Finanzmarktregulierung in Form einer Global Governance ist keine Vision, sondern befindet sich bereits in der Umsetzungsphase, wie der letzte G20-Gipfel gezeigt hat."

Zurück zum geduldigen Kapital

Bedeutet dies jedoch eine Abkehr von dem für die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise letztlich verantwortlichen angelsächsischen Modell des Kapitalismus, gekennzeichnet, durch deregulierte Märkte, radikale Innovationen und kurzfristige Renditeorientierung? Der zweite Redner des Abends, der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser, blieb skeptisch: "Aufgrund des fehlenden Sozialstaates muss in einem solchen System die gesamte Altersversorgung über den Kapitalmarkt laufen. Es waren aber gerade diese Pensionsfonds und andere institutionelle Anleger, die aufgrund ihrer kurzfristigen Renditeerwartungen in risikoreiche Finanzinnovationen investierten und damit die Finanzmarktkrise auslösten." Im "geduldigen Kapital" läge aber gerade ein entscheidender Vorteil des "Rheinischen Kapitalismus", den der an der Universität Bielefeld forschende und lehrende Wirtschaftsprofessor lieber als kooperative Marktwirtschaft bezeichnen würde, da sie durch ein Geflecht langfristiger Unternehmenskooperationen, oft in regionalen Clustern gebündelt, und durch eine dichte Landschaft von Institutionen und Organisationen mit engen Beziehungen zwischen Individuen und Staat gekennzeichnet sind: "Dieses Modell entstand vor mehr als 100 Jahren als deutsche Antwort auf Globalisierung und Verwissenschaftlichung der Produktion und hat sich in dem bis heute andauernden Kulturkampf mit dem Standardkapitalismus als wettbewerbsfähig bewährt." Beide historisch entstandenen Ordnungsmodelle seien für unterschiedliche Märkte konstruiert, das angelsächsische für standardisierte Massenerzeugnisse, das europäische für eine diversifizierte Qualitätsproduktion, von Werner Abelshauser als "nachindustrielle Maßschneiderei" bezeichnet. Somit bestehe auch keine unmittelbare Konkurrenz um Märkte: "Beide Systeme sind in hohem Maße innovationsfähig, aber in ganz unterschiedlichen Bereichen." Was bedeute dieses nun in der gegenwärtigen weltweiten Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise? "Wir müssen zurück zum geduldigen Kapital", plädierte der Referent für eine Wiederbesinnung auf die werte des Rheinischen Kapitalismus. Dies beinhalte auch eine Rückkehr zu den Prinzipien des stakeholder value, die in den letzten Jahren im Zuge der Betonung des shareholder value stark an Bedeutung verloren haben: langfristige Renditeorientierung, Familien statt institutionelle Anleger in den Entscheidungsgremien, dienende statt spekulative Funktion des Kapitals: "Die Strategien des shareholder value haben Deutschland in die Krise geführt", war der Referent überzeugt und belegte dies mit Beispielen von Firmenzerlegungen und Strangulierung von Zulieferern aus der jüngeren Vergangenheit: "Es kommt nicht auf Heuschrecken an, sondern auf die unternehmenseigene Strategie!" Das Fazit des Wirtschaftshistorikers: "Wir haben keine Wahl. Deutschland braucht den Rheinischen Kapitalismus - oder ganz neue Märkte."

China lächelt uns nur an

"Handelt es sich bei der Finanzmarktkrise nicht in erster Linie um ein Regulierungsdefizit?", fragte in der anschließenden Podiumsdiskussion Dr. Josef Schlarmann, Bundesvorsitzender der CDU-Mittelstandsvereinigung und Mitglied im Bundesvorstand der CDU: „Es gibt einen Deregulierungswettbewerb der Systeme." Auch der jüngste Regierungsgipfel in Pittsburgh habe gezeigt, dass sich die Ordnungsvorstellungen Deutschlands gegen die USA und China nicht werden durchsetzen lassen. Prof. Dr. Wolf Schäfer vom Europa-Kolleg Hamburg, soeben von einer Vortragsreihe aus China zurück, musste ihm hier Recht geben: „Ich habe versucht, den Chinesen die Werte und Prinzipen der sozialen Marktwirtschaft zu erläutern. Man hat mich jedoch nur freundlich angelächelt." Im Übrigen gebe es keinen Markt, der bereits jetzt so reguliert sei, wie der Kapitalmarkt: „Das Problem ist nicht ein Mangel an Regulierung, sondern die Art der Regeln."
Prof. Dr. Martin Seidel, viele Jahre in leitenden Positionen im Wirtschaftsministerium und Vertreter der Bundesregierung vor dem Europäischen Gerichtshof, sah in der jetzigen Finanzmarktkrise eine Gefahr für den Bestand der Währungsunion: „Die Staatsverschuldung wird in den nächsten Jahren bei allen Mitgliedern der Währungsunion extrem steigen, ohne dass es zu einer Anrufung des Europäischen Gerichtshofs kommen wird."
Der als freiberuflicher Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Rechtsanwalt tätige Josef Schlarmann erinnerte an die herausragende Rolle des Mittelstandes für die Wirtschaftskraft und internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und warnte: „Unsere Wirtschaftsordnung ist mittelstandsfeindlich geworden." Was Werner Abelshauser in seinem Beitrag als Stärken des Rheinischen Kapitalismus bezeichnet hat, seien eigentlich die Stärken des Mittelstandes: „Auch Volkswagen würde es nicht geben ohne die mittelständische Zulieferindustrie."

Eigene Stärken stärken

Der ehemalige Bundesbanker Rolf Eggert konnte hier nur zustimmen: „Schon die Regelungen zu Basel II waren mittelstandsfeindlich." Die Krise biete eine Chance zurückzukehren zu den Regeln des HGB und zu einer Immobilienfinanzierung über traditionelle und bewährte Hypothekenpfandbriefe statt über undurchsichtige und risikoreiche Finanzinnovationen: „Wir brauchen einen Kopplungsfaktor zwischen dem Finanzmarkt und dem realen Sektor. Kapital muss wieder eine dienende Funktion für die Realwirtschaft bekommen." Ähnlich argumentierte auch Martin Seidel: Wir können nicht auf die USA oder auf ein Global Governance warten und müssen in der EU – notfalls auch im nationalen Alleingang – damit anfangen, ein neues System für die Regulierung des Bankensystems zu entwickeln, um den Finanzmarkt wieder zum Dienstleister für die Realwirtschaft werden zu lassen." Das Problem sei nicht eine Überregulierung des Bankensystems, zumal mehr als 30% der Finanzjongleure auf den Märkten überhaupt keiner Regulierung unterliegen würden: „Wir brauchen einen Finanz-TÜV für intransparente Papiere." Eine integrierte Finanzmarktaufsicht könnte die EU – im Vorgriff auf eine weltweite Regulierung – schon jetzt einführen, die entsprechenden supranationalen Kompetenzen seien vorhanden.
Doch wer vermag überhaupt weltweit Regeln zu setzen? Die jeweils dominierenden Wirtschaftsmächte? Früher waren dies die USA, künftig werden es vielleicht China und Indien sein. Wie stehen diese zu einer Regulierung von Finanzmärkten? Der Moderator des Abends, Prof. Dr. Wolf Schäfer, schloss daher mit der Frage: „Ist es überhaupt sinnvoll, weltweit einheitliche Regeln zu setzen? Sollte nicht eher ein Wettbewerb der Ideen und damit Regelsysteme über die effizienteste Form der Regulierung entscheiden?" Und der Mittelstandspolitiker Josef Schlarmann ergänzte: „Der Systemwettbewerb wäre eventuell auch schon innerhalb der EU sinnvoll. So ist für den speziell in Deutschland wichtigen Mittelstand ein dezentrales Bankensystem von Vorteil. Wir sollten daher unsere Stärken stärken!"






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