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Neue Schule Wolfsburg: „Motiviertes Lernen ist die Erkennungsmelodie“

Lernsinn ausbilden – Interessen entwickeln – Talente entfalten

Zum Abschluss der Veranstaltungsreihe „Schule neu denken", in der Mitglieder der Errichtungskommission der Neuen Schule Wolfsburg moderne Konzepte der Reformpädagogik und Schulentwicklung vorstellten, wie sie auch in das Konzept der am 01. August 2009 eröffneten Neuen Schule Wolfsburg eingeflossen sind, stellte am 23. September 2009 im MobileLifeCampus Prof. Dr. Uwe Hameyer die Schule als „lernende Organisation" zur Diskussion. Seine Kernthesen: Jeder ist wichtig, talentiert und neugierig; es ist Aufgabe der Schule herauszufinden wo. Dazu bedarf es Formen des motivierten Lernens und pädagogischer Leitideen statt ausdifferenzierter Lehrpläne, vor allem aber einer „lernenden Schule".

„Ein ungewöhnliches Thema", begann der in seiner Freizeit sich dem Saxophonspiel und der Fotographie widmende Direktor des Instituts für Pädagogik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel seine Präsentation: „Wie können Schulen überhaupt lernen und macht das einen Sinn?" Natürlich sei eine solche Fragestellung keine akademische Spielerei, muss sich doch die Schule rechtzeitig auf neue Entwicklungen einstellen, da sie ihre „Kunden" für die Zukunft auszubilden hat. „Für die besten Köpfe von morgen die beste Schule von heute", forderte Volkswagen-Vorstandsmitglied Dr. Horst Neumann bei der Gründung der Neuen Schule Wolfsburg, die die Umsetzung eines solchen Zieles – und hier liegt das Ungewöhnliche dieses Schulversuches – bereits in den Startlöchern anzupacken vermag. Wie kann dieser hohe Erwartungsraum erfüllt werden? „Durch Schaffung von Lernsinn", meinte schon der Vorsitzende der Errichtungskommission der Neuen Schule Wolfsburg, I.P.I-Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Peter Meyer-Dohm. Im pädagogischen Programm wie auch im Zusammenspiel von Lehrern, Schüler und Eltern ist davon auszugehen, dass jede Schülerin und jeder Schüler wichtig ist und gebraucht wird, etwas können will, Forschungsgeist besitzt, Talente und Ziele hat, nach dem Lern- und Bildungssinn sucht und eine eigene Lernbiographie hat. Im Zentrum der Schule steht somit das individualisierte Lernen: Forderung und Förderung erfolgen nach Bedarf und Fähigkeiten des Einzelnen. Unter den genannten Faktoren der Lernmotivation hob der Referent den Forschungsgeist hervor: „Dies ist die schlummernde Energie, die es in der Schule zu entwickeln und fördern gilt!" Man habe empirisch ermittelt, dass Kinder vor ihrer Einschulung rund 15.000 Stunden für entdeckungsorientiertes Lernen verwenden. Etwa gleich lang ist ihre Schulzeit. Dies sollte zu denken geben: Das Entdecken ist ein wichtiger Punkt des Lernens. Daher sollen in der Neuen Schule Wolfsburg Forscherwerkstätten eingerichtet werden – und zwar nicht nur in den Naturwissenschaften: „Die erstaunenden Phänomene können auch im Geschichts- oder Kunstunterricht in den Mittelpunkt gerückt werden!"

Das entdeckungsorientierte und motivierte Lernen

Im Fokus einer zukunftsorientierten Schule stehen nicht nur Naturwissenschaft und Technik, obwohl diese unser heutiges Weltbild prägen: „Das technische und naturwissenschaftliche Lernen muss um die Dimensionen des ökonomischen, kreativen und sozialen Lernens erweitert werden – und zwar sowohl in den einzelnen Fächern und Projekten als auch Fächer übergreifend und interdisziplinär." Der Referent wünschte sich zudem eine stärkere Berücksichtigung von Kunst, Kommunikation und Design im Fächerkanon, zumal gerade die beiden letztgenannten in den neuen Berufsbildern immer wichtiger werden. Hiermit werbe er aber nicht für eine Ausweitung der ohnehin überdimensionierten deutschen Lehrpläne: „In unseren Nachbarländern Norwegen und Niederlande gibt es gar keine oder nur auf wenige Leitideen reduzierte Lehrpläne, um den Schulen weitgehende inhaltliche Autonomie zu sichern," berichtete der als Gründungsmitglied des „International School Improvement Project" der OECD über zahlreiche internationale Erfahrungen verfügende Schulentwickler: „Der norwegische Lehrplan hat z.B. nicht einmal 50 Seiten, davon die Hälfte aus Bildmaterial bestehend. Hier wird nur das menschliche Leitbild skizziert: Es geht in den einzelnen Kapiteln um den moralischen, den schaffenden, den arbeitenden, den kooperierenden und den in der Natur integrierten Menschen. Dies gibt uns Impulse, denen wir folgen sollten!" In der Neuen Schule Wolfsburg habe man daher als Fächer übergreifendes pädagogisches Fundament das Leitbild des nach Sinn suchenden, sich bildenden, forschenden, sozialen, arbeitenden, kulturellen, kreativen und helfenden Menschen entwickelt: „Dieses allgemeine Leitbild sollte permanent im Bewusstsein aller Lehrer sein!" Die Schule müsse in allen Fächern lebensnahe Unterrichtseinheiten anbieten können, damit die Schülerinnen und Schüler lernen, ihre eigenen Natur- und Lebenswelten zu erforschen, eigenverantwortlich zu arbeiten, lernkompetent (auch hinsichtlich neuer Probleme) zu werden und andere Menschen wertzuschätzen: „Motiviertes Lernen ist die Erkennungsmelodie für alles, was wir in der Schule machen," fasste der Referent das pädagogische Leitkonzept zusammen. In der Neuen Schule Wolfsburg seien die Fächer übergreifenden Lernthemen, die Forscherwerkstätten, die Konstruktionsräume (und später auch Designerstudios), die regionalen wie internationalen Projekte sowie die Teamarbeit konstituierende Formen des motivierten Lernens: „Die Sicherstellung der Motivation ist eine Grundaufgabe des Lehrers. Wenn das nicht gelingt, haben wir die Schüler auf dem Weg verloren."

Wie Schulen lernen

Um ein solches pädagogisches Leitbild umzusetzen, müssen sich die Lehrer und Schulen regelmäßig über den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisstand informieren. Doch was kennzeichnet eine Schule als „lernende Organisation"? Zunächst müsse aller in der Schule bereits vorhandener Wissenstand genutzt werden, z.B. durch systematisches schulinternes Wissensmanagement, Erfahrungsaustausch in den Kollegien, Unterstützung kollegialen Lernens und gemeinsame Problemlösungen, durch Teamarbeit in Schulentwicklungsprojekten und allgemein durch Vermeidung von Doppelarbeit und Isolation im Lehrerkollegium. Viel lernen ließe sich auch aus den Erfahrungen anderer Schulen im nationalen wie internationalen Rahmen. Hier bieten sich Schulnetzwerke und Evaluation durch andere Schulen (Peer Reviews) als geeignete Instrumente an: „In den Schulen muss eine Kultur der Reflexion entwickelt werden." Allerdings brauche man hierzu auch „geschützte Zeiträume zur gemeinsamen Analyse". So könne z.B. durch die Einführung eines „Jour fix" für das jeweilige Jahrgangskollegium einer Schule, an dem die Entwicklung und Probleme einzelner Schüler besprochen werden, eine „lernende Schulkultur" und vielleicht sogar etwas wie Identität entstehen. Doch haben die Lehrkräfte hierfür die notwendige Zeit? „Die deutsche Schule ist hinsichtlich Maßnahmen wie Kompetenzpläne, Personalentwicklung, Supervision und Coaching ein völlig überladenes System," musste auch Uwe Hameyer konstatieren, aber: „In diesem Bereich sollten die Lehrer weniger machen, dafür aber ihre Energien konzentrierter einsetzen."
Eine gute Möglichkeit sah der Referent auch im Aufbau „kommunaler Bildungslandschaften", in der – durch die jeweilige kommunale Verwaltung und Politik initiiert, koordiniert und unterstützt – schulische wie außerschulische Bildungsträger einer Region sich vernetzen, Erfahrungen (und eventuell auch Lehrkräfte) austauschen und gemeinsame Projekte durchführen.
Das Fazit des Referenten: Nicht Menschen lernen, sondern Gruppen von Menschen – gebraucht wird daher die „lernende Schule". Alle Maßnahmen sollten hierbei dem motivierten Lernen der Kinder dienen. Schwung, Energie, Begeisterung und Faszination gehören dazu – warum eigentlich nicht auch in der Schule? Der Hobby-Saxophonist verglich dies mit einer Musikkomposition (mit der auch seine Präsentation abschloss): „Es darf heftig zugehen, es darf improvisiert werden, es darf die Reflexion eine Rolle spielen!"

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